Im Rückblick

Wertschöpfen statt Wegwerfen - Zirkel.Training

Station 4 | 29. Oktober 2021

Mit R-Beton zur zirkulären Wertschöpfung - Chancen & Hemmnisse

Die vierte Station des Zirkel.Trainings stand ganz im Zeichen eines zukunftsweisenden Baustoffs: des R-Betons (ressourcenschonender Beton). Aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten die Bauingenieurin Prof.‘in Dr.-Ing. Sabine Flamme von der FH Münster und ihre beiden Gäste aus der unternehmerischen Praxis das Material und seine Chancen für die Circular Economy. Unsere erste hybride Veranstaltung mit etwa 25 Studierenden im Hörsaal in Münster und 20 via Zoom zugeschalteten Teilnehmenden ging auch technisch glatt über die Bühne.

Hoher Anteil des Bausektors am Ressourcenverbrauch

In ihrem einführenden Beitrag machte Prof.‘in Dr. Sabine Flamme zunächst deutlich, welch hohe Relevanz der Bausektor bei Ressourcenverbrauch und Abfallaufkommen hat. In Deutschland waren dies 2020 60 % des gesamten Rohstoffverbrauchs und 52 % des Abfallaufkommens. Nur eine verschwindend geringe Quote des Abbruchs von Gebäuden landet derzeit wieder im Beton (weniger als 1%), der Großteil an recycelten Baustoffen wird im Straßenbau eingesetzt.

Vortragsfolie Ressourcenrelevanz des Bausektors
Quelle: Vortragsfolie

Doch was genau ist R-Beton eigentlich? Beton ist ein Gemisch aus Wasser, Zement, Zusatzmitteln, Sand und Kies. R-Beton unterscheidet sich von herkömmlichem Beton einzig darin, dass Teile der natürlichen Gesteinskörnung in Form von Kies durch rezyklierte Gesteinskörnung, also zerkleinertes Abbruchmaterial ersetzt werden. Die Anforderungen an den Beton sind in beiden Fällen identisch und werden durch DIN-Normen und Richtlinien geregelt.

Wie hoch der Aufwand für die Herstellung von R-Beton ist, wird bereits durch Organisation und Qualität des Rückbaus von Gebäuden entschieden. Nachdem dann Störstoffe und nichtmineralische Anteile entfernt sind, folgt eine Qualitätskontrolle, bevor das Rezyklat mit den übrigen Zutaten zu neuem Beton gemischt werden kann.

Ein aktuelles Beispiel für den Einsatz von R-Beton ist der Rathausbau in Korbach, wo es gelang, 62 % aus dem Abbruch des Gebäudeteils aus den 1970er Jahren im Neubau wiederzuverwenden; davon sind wiederum 15 % in die Herstellung von Beton eingeflossen.

Wirtschaftliche, technische und rechtliche Aspekte

Alexander Henksmeier, Rohstoff- und Wirtschaftsingenieur und Betontechnologe, erläuterte in seinem Beitrag begünstigende Faktoren und Hemmnisse für R-Beton mit Blick auf die Region Ostwestfalen.

Lange Genehmigungsverfahren und hohe Umweltauflagen führen dort dazu, dass der Abbau von Sand und Kies, die als natürlich Gesteinskörnung im Beton verarbeitet werden, immer schwieriger wird. Der alternative Transport von Kies über weitere Strecken hingegen ist teuer – was die Beimischung von Rezyklat finanziell wie ökologisch attraktiver macht.

Auf der anderen Seite zeigt der genaue Blick auf die Regelwerke und Anforderungen, welch umfangreiche Qualitätskontrollen und Prüfungen der Baustoff bestehen muss. R-Beton ist in Deutschland zudem nicht für alle Gebäudebereiche und Funktionen zugelassen, zum Beispiel darf er nicht im Außenbereich verwendet werden, wo er mit Chloriden oder Taumitteln in Berührung kommen kann.

Doch es sind nicht nur technische Hürden, die der Baustoff zu überwinden hat. Auch mangelnde Akzeptanz vonseiten der Bauherren steht einem breiteren Einsatz momentan noch im Wege.

Vortragsfolie R-Beton Vor- und Nachteile
Quelle: Vortragsfolie

Einen guten Schritt weiter: die Schweiz

Im dritten Beitrag gab Patrick Eberhard, Mitinhaber eines großen Herstellers für Recycling-Baustoffe, Einblicke zum Status des R-Betons in seiner Heimat, der Schweiz. Das Unternehmen Eberhard vertreibt bereits seit 2003 R-Beton, der in ca. 100 Gebäuden verarbeitet wurde. Für Patrick Eberhard ist klar: Ein altes Haus muss wieder zum neuen Haus werden.

Einige Rahmenbedingungen begünstigen im Nachbarland die Verbreitung von R-Beton, so ist u.a. ein höherer Anteil von Rezyklat im R-Beton möglich bzw. die Zumischung in geringerem Anteil auch ohne Deklaration erlaubt. Vor allem aufgrund der gezielten Ausschreibung von R-Beton in öffentlichen Bauvorhaben erreicht R-Beton in der Schweiz inzwischen einen Anteil von 13 % und liegt damit deutlich höher als in Deutschland.

Patrick Eberhard betonte die Notwendigkeit von Innovationen im Baustoffkreislauf – und stellte gleich zwei vor: die robotisierte Aufbereitung von Bauabfällen und die eigene Produktentwicklung zirkulit® Beton. Dieser weist nicht nur einen besonders hohen Anteil an Rezyklat auf, sondern fungiert zusätzlich als CO2-Speicher.

Quelle: Vortragsfolie

Überzeugungsarbeit zu leisten

In der abschließenden Frage- und Diskussionsrunde wurde noch einmal deutlich, welche Rolle den Bauherren, insbesondere der öffentlichen Hand, bei der Verbreitung von R-Beton zukommt. Denn sie haben den Hebel in der Hand, die Nachfrage zu steigern. Dass dies noch nicht im gewünschten Maße geschieht, liegt auch daran, dass R-Beton nach wie vor ein Image-Problem hat.

Die Expert:innen sind sich einig, dass „Recycling“ kein erfolgreiches Verkaufsargument für R-Beton ist, da es häufig mit minderwertiger Qualität assoziiert wird. Bessere Argumente sind vielmehr die Ressourcenschonung und – wie im Falle von zirkulit – die CO2-Speicherfähigkeit.

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