Am 5. Juni 2025 fand das 44. Webseminar #CEresearchNRW statt. Die Expertinnen Dr. Anna Missong, von der Hochschule Niederrhein und Dr. Christine Weiß von Evonik Creavis erklärten, welche Methoden in der Forschung und Industrie entwickelt werden, um Kunststoff- und Textilströme zirkulär zu gestalten.
Die Hochschule Niederrhein – ein zentraler Standort für Textilrecycling-Forschung in Europa
Den Auftakt machte Dr. Anna Missong mit ihrem Vortrag: “Kreislaufwirtschaft für Textilien – Fokus auf Polyethylenterephthalat (PET)-Recycling.” Die gelernte Geowissenschaftlerin und promovierte Umweltchemikerin ist am Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung (FTB) tätig – einem der wichtigsten Forschungsstandorte für Textilien in Europa. Das von Prof. Dr. Maike Rabe geleitete FTB nimmt verschiedene Elemente der Kreislaufwirtschaft in den Blick. Angefangen bei Projekten, die den Circularity-by-Design Ansatz verfolgen, oder die R-Strategien der Kreislaufwirtschaft, gibt es auch zahlreiche Projekte, die sich mit verschiedenen Recyclingverfahren beschäftigen. Ob mechanisches, thermomechanisches oder chemisches Recycling – alle Herangehensweisen werden an der HS-Niederrhein erforscht und weiterentwickelt.
Das im Laufe des Vortrags vorgestellte Forschungsprojekt SiWerTEX bearbeitet Wissenschaftlerinnen am FTB der Hochschule Niederrhein in Kooperation mit dem Institut für Chemische und Thermische Verfahrenstechnik (ICTV) der TU Braunschweig.
Die Herausforderungen des Textilrecyclings
Die Bilder von Bergen ausrangierter Kleidung an den Stränden des globalen Südens gehen fast täglich durch die sozialen Medien. Doch warum ist das Recycling von Textilien eigentlich so schwierig?
Dr. Missong machte in ihrem Vortrag drei zentrale Problemfelder deutlich:
- Technische Hürden: Textilien bestehen meist aus komplexen Materialmischungen, die sich nur schwer in ihre Grundkomponenten zerlegen lassen. Hinzu kommen diverse textile Hilfsmittel und Ausrüstung auf und in den Textilen wie Farbstoffe und Flammschutzmittel, die das Recycling zusätzlich erschweren. Auch nicht-textile Bestandteile wie Knöpfe oder Reißverschlüsse müssen erst mühsam entfernt werden.
- Systemische Defizite: Es mangelt an funktionierenden Strukturen für Sammlung, Logistik, Sortierung und Reinigung. Zudem erschweren uneinheitliche regulatorische Vorgaben den Aufbau eines durchgängigen Systems.
- Gesellschaftliche Faktoren: Überkonsum, fehlende Anreize und Interessenkonflikte tragen ebenfalls dazu bei, dass Textilien bislang kaum im Kreislauf geführt werden.
Textilabfälle – der Status quo
Von allen anfallenden Textilabfällen machen Post-Consumer-Abfälle – also Kleidungsstücke, die bereits genutzt wurden – mit weltweit ca. 80 Prozent den größten Teil der Textilabfälle aus. Der Großteil dieser Abfälle landet auf Deponien, vor allem im globalen Süden. Weltweit landen rund 85 Prozent der Textilabfälle auf . Abfalldeponien. Diese bringen vielschichtige Probleme mit sich; unter anderem enorme Umweltschäden verursachen., weil sie Flächen versiegeln, aus den Abfällen Schadstoffe unkontrolliert in die Umwelt gelangen können und Klimagase wie Methan ausgestoßen werden.
Recycelt wird zurzeit dagegen nur ein Bruchteil der Alttextilien: gerade einmal 1 bis 3 Prozent werden global stofflich recycelt. Etwa 12 Prozent der Abfälle werden energetisch in der thermischen Verwertung verbrannt.
Woraus besteht unsere Kleidung?
Ein Blick auf die Faserstatistik zeigt den Trend klar: Zwischen 2020 und 2023 ist der Anteil von Polyester in Textilien von 60 auf 70 Prozent gestiegen – Tendenz weiter wachsend. Polyester ist damit die weltweit meist genutzte Textilfaser, während Naturfasern wie Baumwolle kontinuierlich an Bedeutung verlieren.
Problematisch ist, dass bislang nur ein kleiner Teil der eingesetzten Polyesterfasern recycelt wird. Wenn recyceltes PET in Textilen Produkten eingesetzt wird, stammt es in der Regel nicht aus alten Textilien, sondern aus aus recycelten PET-Flaschen. Ein geschlossener Kreislauf für Polyestertextilien bleibt damit bislang unerreicht.
Recyclingverfahren im Überblick
Recycling in der Textilindustrie lässt sich in drei Hauptverfahren unterteilen:
- Mechanisches Recycling und thermomechanisches Recycling sind vergleichsweise günstig und energiearm. Allerdings leidet die Faserqualität erheblich, die Zahl der Recyclingzyklen ist begrenzt und es kommt häufig zu Downcycling, wie Dr. Missong betonte.
- Chemisches Recycling hat dagegen das Potenzial, Textilien in Neuwarenqualität zurückzuführen. Es kann komplexe Abfälle verarbeiten, Verunreinigungen entfernen und theoretisch unbegrenzte Recyclingzyklen ermöglichen. Noch ist die Technologie jedoch nicht ausgereift: Damit sie wirtschaftlich konkurrenzfähig und ökologisch sinnvoll ist, muss der Energie- und Chemikalieneinsatz geringgehalten werden und die Verwertung und Reinigung der anfallenden Nebenprodukte, Abwässer und Abfälle als möglichst ganzheitlicher Recyclingprozess betrachtet werden
SiWerTEX – auf dem Weg zu einem ganzheitlichen PET-Recycling
Genau an diesen Herausforderungen setzt das Projekt SiWerTEX an. Der Name steht für die simultane Rückgewinnung von Monomeren und werthaltigen Zusatzstoffen beim Recycling von Polyestertextilien.
Das Team nutzt dabei Pre- und Post-Consumer-Abfälle, die mithilfe einer alkalischen Hydrolyse de-polymerisiert werden. Es entsteht eine Lösung, die aufgereinigt und anschließend zur Gewinnung von Terephthalsäure genutzt wird – dem Monomer aus dem neues PET polymerisiert werden kann. Ziel ist es, daraus wieder neue Kleidung herzustellen und so den Kreislauf zu schließen.
Doch das Projekt geht einen Schritt weiter: Im Sinne des Projekts sind die entstehenden Nebenprodukte keine Abfälle, sondern werden auf ihre Eignung als potenzielle Wertstoffe geprüft. Ob und wie sich diese zurückgewinnen lassen, wird im Rahmen des Projektes untersucht. Besonders im Fokus stehen Farbstoffe und Flammschutzmittel. Beim Flammschutz spielt vor allem die Rückgewinnung von Phosphateine Schlüsselrolle – ein Molekül, das nicht nur für das Recycling, sondern auch für die Ressourcensicherung von großer Bedeutung ist.
Hydrolyse: Was passiert im Labor?
Im Projekt SiWerTEX wird Polyester im Labor durch Hydrolyse zerlegt. Dazu kommt Natriumhydroxid in einem Hochtemperaturprozess zum Einsatz. Das Verfahren läuft als sogenannte Fest-Fest-Reaktion ab: Polyester reagiert mit Natriumhydroxid und es entsteht eine wässrige Lösung aus Natriumterephthalat, Ethylenglykol und Wasser. Diese Lösung ist der Ausgangspunkt, um Störstoffe zu entfernen und das Material Schritt für Schritt aufzureinigen. Anschließend wird die Terephthalsäure gefällt – also aus der Lösung herausgelöst – und steht dann wieder als Monomer zur Verfügung. Damit lässt sich erneut Polyethylenterephthalat, also PET, herstellen.
Auswahl der Farbstoffe
Ein wichtiger Teil des Projekts sind die Farbstoffe, die in Textilien enthalten sind. Gemeinsam mit Industriepartnern wählte das SiWerTEX-Team eine Reihe von Farbstoffen aus, die in der Polyesterfärbung besonders häufig verwendet werden.
Chemisch lassen sich diese Stoffe nach ihrer Molekülstruktur unterscheiden: etwa in Azo- oder Anthrachinon-Farbstoffe sowie in Benzodifuranone, die als besonders leuchtende Farben zum Einsatz kommen, zum Beispiel für Warnwesten.
Textilexperten klassifizieren Farben jedoch in der Regel nach ihrem Einsatzzweck, ihren Eigenschaften. Dazu gehören zum Beispiel Hitzebeständigkeit, Waschechtheit oder Lichtechtheit. Für das Projekt war es entscheidend, eine möglichst breite Palette an Farbstoffen zu berücksichtigen, um herauszufinden, wie gut sie sich im Hydrolyseprozess abbauen lassen, oder ob manche sogar zurückgewinnen lassen.
Um die Praxistauglichkeit zu testen, wurde im Labor zunächst systematische Untersuchungen der Entfernbarkeit von Farbstoffen untersucht. Hierfür wurde sauberes, rohweißes Polyestergewebe mit jeweils einem Farbstoffgemisch eingefärbt. Diese Gewebe wurde zerkleinert, zu Pellets gepresst und anschließend in einem Kneter hydrolysiert. Ergebnis dieser Schritte ist die sogenannte DNT-Lösung (Dinatriumterephthalat-Lösung), als Zwischenproduktlösung aus der Terephthalsäure gefällt werden kann.
Die Ergebnisse zeigen: Eine Rückgewinnung von Farbstoffen ist bislang nicht möglich. Manche, wie Blue 56, überstehen die Hydrolyse weitgehend, andere wie Blue 284 zersetzen sich fast vollständig. Damit wird klar: Farbstoffe müssen zuverlässig entfernt werden, um saubere Terephthalsäure zu gewinnen: Filter- und Aufreinigungsverfahren sind hier entscheidend.
Die Reinheit der Terephthalsäure
Das es sich bei dem gefällten Produkt des Recyclingprozesses um Terephthalsäure handelt kann gut mit Infrarotspektroskopie verifiziert werden. In den Messungen des SiWerTEX Teams wird deutlich: Das Spektrum einer fossilen Terephthalsäure unterscheidet sich nicht von dem einer „recycelten“ Terephthalsäure, die aus recyceltem, depolymerisiertem PET stammt. Ergänzend wurden auch Proben aus gefärbten Textilien untersucht.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich mit dem Verfahren grundsätzlich eine sehr saubere und hochwertige Terephthalsäure herstellen lässt. Doch nicht alle Störstoffe sind über die Spektroskopie sichtbar. Deshalb wird zusätzlich der sogenannte Platin-Kobalt-Farbwert gemessen – er beschreibt, wie stark eine Lösung gelblich verfärbt ist. Dabei zeigte sich: Viele der getesteten Proben liegen noch oberhalb des branchenüblichen Grenzwerts von 10 Hazen. Das bedeutet, dass bei der Filtration noch nachgebessert werden muss, um die störenden Farbstoffe zuverlässig zu entfernen.
Arten und Einfluss von Flammschutzmitteln
Doch wie verhält es sich mit Flammschutzmittel? Dieser Forschungsfrage widmet sich das SiWerTEX-Projekt ebenfalls. Flammschutzmittel lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen: wasserlösliche, wasserunlösliche und inhärente Flammschutzmittel. Letztere werden bereits während der Garnproduktion eingearbeitet und wirken dadurch direkt im Material. Lösliche und unlösliche Varianten werden dagegen nachträglich auf das Gewebe aufgebracht – mit dauerhafter oder nicht-dauerhafter Wirkung. Dabei handelt es sich um sehr unterschiedliche Substanzen: von anorganischen Salzen bis hin zu organischen, zyklischen Verbindungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Phosphor enthalten – etwa in Form von Phosphaten, Phosphonaten oder Phosphinaten.
Eine zentrale Frage im SiWerTEX Projekt war: Beeinflussen Flammschutzmittel die Effizienz der Hydrolyse? Die Ergebnisse zeigen, dass die Ausbeute an Terephthalsäure aus PET relativ stabil bleibt, meist über 70 bis 80 Prozent, unabhängig von der Art des Flammschutzmittels.
Allerdings war die Reinheit der Terephthalsäure von nicht allen Flammgeschützten Proben sichergestellt. Sie lagen teilweise oberhalb des Industriegrenzwerts der Hazen-Farbzahl. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass auch in der aufgereinigten Terephthalsäure Rückstände von Phosphorverbindungen enthalten sind.
Verfärbungen und Rückstände
Die Verfärbungen der Terephthalsäuren die im Recyclingprozess gewonnen werden, können unterschiedlichen Ursprungs sein und wie im Projekt gezeigt auch auf Farbstoffreste oder andere Rückstände zurückgeführt werden. Zwar ist der Anteil an Farbstoffen im Textil selbst sehr gering (unter 1 Gew. %), dennoch können sie die Reinheit der Endprodukte beeinträchtigen.
Die Analysen zeigen außerdem, dass Phosphorverbindungen aus den Flammschutzmitteln nach der Hydrolyse des Polyesters bis ins Prozessabwasser verfolgt werden können: ein Aspekt, der künftig noch stärker berücksichtigt werden muss, da diese Abwässer der potentielle Ansatz für eine Rückgewinnung von Phosphaten oder anderen Reststoffen aus dem Recyclingprozesses sein kann.
Ansatzpunkte für Verbesserungen
Um die Reinheit der Terephthalsäure zu erhöhen, testet das SiWerTEX-Team Methoden zur Aufreinigung der Dinatriumterephthalat-Lösung . Parallel dazu arbeiten sie an Methoden zur Rückgewinnung von Phosphat aus den Prozessabwässern. Erste Berechnungen zeigen, dass sich theoretisch aus einer Tonne Polyester zwischen 6 und 10 Kilogramm Phosphat zurückgewinnen lassen: ein relevanter Beitrag zur Ressourcenschonung.
Neben Flammschutz- und Farbstoffrückständen gibt es weitere typische Verunreinigungen in Polyestern. Dazu gehören Titanoxid, das in nahezu jedem Polyester enthalten ist, sowie Spuren von Antimon, das als Katalysator bei der Polyestersynthese dient. Auch diese Stoffe konnten im Recyclingprozess nachgewiesen werden, Verunreinigungen der Terephthalsäure mit diesen Metallen konnten aber in den Proben des SiWerTEX Projektes ausgeschlossen werden.
Schwesterprojekte
Das Projekt SiWerTEX bearbeitet das FTB der Hochschule Niederrhein gemeinsam mit dem ICTV der TU Braunschweig. Parallel laufen weitere gemeinsame Forschungsarbeiten wie beispielsweise:
- The Key: Recycling von Materialblends, insbesondere Polyester-Baumwoll-Gemischen.
Ein weiteres Entwicklungsprojekt zum Thema Textilrecylcing ist noch in Planung:
- Infinitech/X: Entwicklung von endlosen Kreisläufen mit möglichst hoher Qualität von Terephthalsäure und PET
Wissenschaft ist Teamarbeit
Zum Abschluss ihres Vortrages bedankte sich Dr. Missong beim SiWerTEX Projektteam vom FTB Frau Glogowsky und Frau Rabe, sowie den Kolleg*innen der TU Braunschweig, Frau Paschetag und Anna-Maria Heidrich, und Prof. Scholl.. Ebenso dankte sie dem Industriepartnern, die die Wissenschaftler*innen mit Materialien, Ausrüstungen und Farbstoffen versorgen und damit die Forschung erst möglich machen.
Das vorwettbewerbliche Forschungsprojekt SiWerTEX (IGF-32072 N ) wurde gefördert durch die Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstraße 14-16, 10117 Berlin finanziert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz über das DLR im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung IGF auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Einblicke von Dr. Christine Weiß: Kunststoffrecycling bei Evonik
Dr. Christine Weiß eröffnete ihren Vortrag mit einem Hinweis, der aktueller nicht sein könnte: Der 5. Juni ist von den Vereinten Nationen zum Weltumwelttag erklärt worden, mit dem diesjährigen Motto: Kampf gegen die Kunststoffverschmutzung. „Genau hier können wir mit unseren Aktivitäten im Kunststoffrecycling einen Beitrag leisten“, betonte sie.
Ihr Ziel für den Vortrag war es, einen breiten Überblick über die verschiedenen Recyclingansätze von Evonik zu geben – weniger ins Detail, dafür mit Fokus auf die Bandbreite.
Zur Person
Dr. Christine Weiß ist promovierte Chemikerin und seit 10 Jahren bei Evonik tätig. Heute arbeitet sie bei Creavis, der strategischen Innovationseinheit von Evonik. Dort werden Zukunftstrends beobachtet, gesellschaftliche Entwicklungen analysiert und daraus neue Produkte sowie transformative Technologien entwickelt.
Ein interdisziplinäres Team aus Projektleitungen und Laborfachkräften arbeitet hier auch intensiv am Thema Kunststoffrecycling. Neben der Creavis laufen zudem eigene Projekte in verschiedenen Geschäftsbereichen von Evonik, sodass sich insgesamt ein vielfältiges Bild an Initiativen ergibt.
Evonik im Überblick
Evonik zählt zu den weltweit führenden Unternehmen der Spezialchemie. Das zeigt sich nicht zuletzt an einem Portfolio von über 9.000 Produkten für unterschiedlichste Anwendungen und Märkte. Rund 30.000 Mitarbeitende sind weltweit an Forschungs- und Produktionsstandorten in Europa, Amerika und Asien tätig.
Die Bedeutung von Forschung und Entwicklung wird durch die Investitionen deutlich: Allein im letzten Jahr flossen knapp 460 Millionen Euro in Forschung & Entwicklung: ein Niveau, das Evonik auch in den kommenden Jahren beibehalten will. Auch wenn Endkonsument*innen den Namen Evonik nicht immer direkt wahrnehmen, begegnen sie den Produkten im Alltag regelmäßig – sei es in Reinigungsmitteln mit biobasierten Tensiden, in der Elektromobilität durch Aluminiumoxide für Lithium-Ionen-Batterien oder in der Medizin: Evonik-Lipide wurden etwa in mRNA-Impfstoffen wie dem Covid-19-Vakzin von BioNTech/Pfizer eingesetzt. Und nicht zuletzt entwickelt Evonik Additive und Technologien für das Kunststoffrecycling – ein Schwerpunkt, der sich durch das gesamte Unternehmen zieht.
Nachhaltigkeit bei Evonik
Nachhaltigkeit versteht Evonik als Balance aus Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Ein Produkt gilt nur dann als nachhaltig, wenn es in allen drei Dimensionen einen messbaren Beitrag leistet.
Das Unternehmen hat sich ambitionierte Ziele bis 2030 gesetzt:
- CO₂-Emissionen senken: minus 25 % bei Scope 1 und 2, minus 11 % bei Scope 3 (verglichen mit 2021). Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen Anlagen und Fahrzeugen, Scope 2 bezieht sich auf Emissionen aus eingekaufter Energie, und Scope 3 deckt alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette ab. Die Zielwerte sind wissenschaftlich abgeleitet und orientieren sich daran, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad zu begrenzen.
- Produktportfolio optimieren: Produkte werden anhand einer Nachhaltigkeitsanalyse mit dem Markt-Benchmark verglichen und das Produktportfolio wird zu Gunsten nachhaltiger Produkte weiterentwickelt.
- Ressourcenschonung in Produktionsproessen..
Dr. Christine Weiß machte deutlich, dass Evonik auch von unabhängigen Nachhaltigkeits-Rating-Agenturen regelmäßig bewertet wird – und dabei bereits deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt. „Darauf sind wir stolz“, so Dr. Weiß, „aber wir wollen in den kommenden Jahren noch besser werden und in allen Rankings Spitzenpositionen erreichen.“
Von der linearen zur zirkulären Wertschöpfung
Noch basiert die Kunststoffindustrie weitgehend auf einer linearen Wertschöpfungskette: Fossile Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas werden aufbereitet, zu Kunststoffen verarbeitet, genutzt – und nach der Lebensdauer häufig deponiert oder verbrannt. Das verursacht nicht nur Abfall, sondern auch erhebliche CO₂-Emissionen.
Ziel ist es daher, Produkte am Ende ihres Lebenszyklus in den Kreislauf zurückzuführen. Dabei stehen unterschiedliche Strategien zur Verfügung:
- Wiederverwendung, die für chemische Produkte jedoch nur eingeschränkt praktikabel ist.
- Mechanisches Recycling, etwa von PET-Flaschen, das saubere und sortenreine Abfallströme erfordert.
- Chemisches bzw. Monomerrecycling, bei dem Polymere in ihre Bausteine zerlegt und wieder neu aufgebaut werden.
- Pyrolyse, die Kunststoffe thermisch in einfache Kohlenwasserstoffmoleküle (C2–C4) zerlegt.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist das Konzept des Design for Recycling: Produkte sollen schon bei der Entwicklung so gestaltet werden, dass sie später einfacher und effizienter recycelt werden können.
Mechanisches Recycling: Additive als Schlüssel
Für das mechanische Recycling bietet Evonik ein breites Portfolio an Additiven, die die Rezyklierbarkeit von Kunststoffen verbessern.
- Defoamer verhindern übermäßige Schaumbildung im industriellen Waschprozess und gestalten diesen dadurch effizienter.
- De-Inking-Additive erleichtern die Entfernung von Druckfarben.
- Weitere Additive optimieren Eigenschaften wie die Viskosität der Polymerschmelze.
Das Ziel: Kunststoffabfälle effizient zu Rezyklaten mit hoher Qualität und definierter Eigenschaften aufbereiten.
Monomerrecycling: Polyurethan-Matratzen im Fokus
Besonders detailliert stellte Dr. Weiß das Projekt zum Recycling von Polyurethan-Weichschäumen in Matratzen vor –. Das Problem: PU-Matratzen sind schwer recycelbar, europaweit fallen jährlich rund 40 Millionen Stück als Abfall an. Die bisherigen Entsorgungswege sind problematisch: etwa 50 % landen auf Deponien, ein Drittel wird verbrannt, und nur ein geringer Anteil wird downgecycelt (z. B. als Teppichunterlage).
Evonik entwickelte daher eine katalytische Hydrolyse, die PU unter milden Bedingungen depolymerisiert und die beiden Hauptbausteine Polyol und Toluoldiamin (TDA) zurückgewinnt. Diese können nach weiterer Aufbereitung wieder für neue PU-Schäume genutzt werden – ein wichtiger Schritt hin zur Kreislaufwirtschaft.
Neben der Reaktion selbst war auch das Pre-Treatment der Matratzen eine Herausforderung: Matratzen müssen so zerkleinert werden, dass sie in Reaktoren verarbeitet werden können. Am Ende gelang es dem Team, für alle Prozessschritte (Zerkleinerung, Reaktion und Aufbereitung) passende Verfahren zu entwickeln.
Der Erfolg: Aus den recycelten Rohstoffen konnten neue PU-Schäume hergestellt werden, die nahezu identische Eigenschaften haben wie Produkte, die aus fossilien Rohstoffen hergestellt wurden.
Vom Labor zur Pilotanlage
Die Entwicklung begann im Labormaßstab und wurde Schritt für Schritt skaliert – bis hin zur Pilotanlage in Hanau, die Ende 2022 in Betrieb genommen wurde. Die Pilotanlage läuft seitdem stabil und produziert Rezyklate in hoher Qualität.. Dr. Weiß betonte, dass Kunststoffrecycling nicht nur technologische Innovation bedeutet, sondern auch eine neue Art von Partnerschaften erfordert. Anstelle klassischer Chemielieferanten treten Unternehmen aus dem Abfallmanagement als wichtige Partner auf. Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft müssen Wertschöpfungsketten neu gedacht und branchenübergreifend vernetzt werden.
Der Vortrag von Frau Dr. Weiß verdeutlichte, dass die chemische Industrie intensiv daran arbeitet, Kunststoffkreisläufe zu schließen und die Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen. Für alle Ansätze – Reduce, Reuse, Recycle- entwickelt Evonik innovative Verfahren und Produkte.
Wir hoffen, dass Sie auch beim nächsten #CEresearchNRW-Webseminar dabei sind, wenn Prof. Dr. Blank von der RWTH Aachen uns Einblicke gibt, wie Mikroben beim Kunststoffrecycling unterstützen können.
Bis dahin,
ihr CirPEL- und Prosperkolleg e.V. Team