Wie gelingt Circular Economy in der Praxis? Nicht abstrakt, sondern konkret, regional und gemeinsam. Diese Leitfrage stand im Zentrum des 46. #CEresearchNRW-Webseminars am 2. Oktober 2025, in dem mit Dr. Bettina Knothe (Bergischer Abfallwirtschaftsverband, :bergische rohstoffschmiede) und Haifei Mao (GUMA-TECH GmbH) zwei Expert*innen aus Wissenschaft und Wirtschaft zeigten, wie echte Kooperationen entstehen und warum ohne sie zirkuläre Wertschöpfung nicht funktionieren kann.
Kooperationen sind Grundvoraussetzung
Dr. Bettina Knothe machte direkt zu Beginn klar: Circular Economy lässt sich nicht für Unternehmen entwickeln, sondern nur gemeinsam mit ihnen. Und zwar dort, wo sie sind: regional und eingebettet in bestehende Infrastrukturen.
Die Region, die Dr. Bettina Knothe jeden Tag auf dem Weg hin zu einer Circular Economy begleitet, ist das Bergische Rheinland. Das Gebiet umfasst drei Kreise: Oberberg, Rhein-Berg, und Rhein-Sieg. Genau hier setzt die :bergische rohstoffschmiede an, ein Projekt des Bergischen Abfallwirtschaftsverbandes (BAV) und der Technischen Hochschule Köln, angesiedelt am Lern- und Forschungsstandort Deponie Leppe in Lindlar, welches im Rahmen der Regionale 2025 und mit Landes- und EU-Strukturmitteln gefördert wird.
Aus der Perspektive der Projektpartner geht zirkuläre Wertschöpfung weit über die Idee der nachhaltigen Ressourcennutzung und -schonung hinaus, wie sie z.B. das aktuelle Kreislaufwirtschaftsgesetz und die Abfallhierarchie anstreben. In diesen Gesetzgebungen und Leitlinien steht vor allem die Effizienz in Form von Schadstoffreduktion, geringerem Materialeinsatz und besserem Recycling im Vordergrund. Die :bergische rohstoffschmiede hat jedoch das Ziel, Zirkularität schon von Beginn an mitzudenken. Für sie stehen die Qualitätsverbesserung und zirkuläres Produktdesign immer am Beginn des Denkprozesses. Dieser zirkuläre Blickwinkel steigert deutlich stärker als bestehende Ansätze somit auch die Effektivität. Das heißt Qualitätssteigerung im Produktdesign, neue Nutzungsmodelle, höherwertige Wiederverwendung und innovative Geschäftsmodelle.
Übergeordnetes Ziel des Projektes ist es, mit Unternehmen ins Gespräch zu kommen und idealerweise eine Zusammenarbeit und somit die zirkuläre Transformation zu beginnen.
Blickwinkel ändern und Kompetenzen stärken
Circular Economy erfordert ein anderes Denken von Anfang an und dieses Denken muss man lernen. Deshalb hat die Kompetenzvermittlung eine besondere Bedeutung für die :bergische rohstoffschmiede. Die Projektpartner organisieren zahlreiche Veranstaltungen und Workshops, um zirkuläre Denkweisen zu vermitteln und die Teilnehmer*innen zur Reflexion über die eigenen Produkte und Wertschöpfungsketten zu motivieren.
Dass dies eine große Herausforderung für die Unternehmer*innen ist, ist Dr. Knothe klar. Schließlich müssen sie diese neuen Fähigkeiten und Ideen während des laufenden Betriebs entwickeln, also „on the job“. Denn bisher spielt Circular Economy in der Ausbildungsordnung keine Rolle. Damit die Circular Economy wirklich umsetzbar wird, müssen sich alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette klar werden, welche zirkulären Ziele sie haben, dann können Wege gefunden werden, diese zu erreichen. Hier spielt der Austausch im Netzwerk eine wichtige Rolle.
Aber oft ist es gar nicht klar, wer in den Unternehmen das Thema Circular Economy nach vorne bringen kann. Wer kann sich für das Thema stark machen und wer trägt am Ende die Verantwortung, Ideen auch in die Tat umzusetzen? Hierbei ist es aus Sicht von Dr. Knothe wichtig, dass bewusst unterschiedliche Ebenen der Unternehmen eingebunden werden: Mitarbeitende sowie auch die Leitungsebene, um am Ende den Transformationsprozess anzustoßen und nachhaltig umzusetzen.
Doch abgesehen von der internen Perspektive spielen eben auch die externen Netzwerke und Kooperationen eine wichtige Rolle. Wenn man die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet, von Unternehmenskultur über Produktentwicklung und Herstellung bis hin zu Transport, Rücknahme und Wiederverwendung, zeigt sich: In jedem dieser Bereiche entstehen Chancen für Kooperationen und Partnerschaften. Manchmal liegen jedoch potenzielle Kooperationspartner*innen z.B. aus dem Bereich der Forschung oder Bereitstellung von Werkteilen nicht direkt auf der Hand. Weshalb der Austausch mit Expert*innen z.B. der :bergischen rohstoffschmiede besonders wertvoll ist, da sie einen guten Gesamtüberblick über die Stakeholder der Circular Economy haben und somit den Prozess intensiv begleiten können. Die :bergische rohstoffschmiede kann z.B. logistische Aufgaben lösen und potenzielle Anknüpfungs- und Startpunkte identifizieren, um mit dem Themenfeld Circular Economy zu beginnen.
Regionale Ressourcen nutzen
Wenn über Circular Economy gesprochen wird, geht es oft um große Visionen: geschlossene Stoffkreisläufe, neue Technologien, innovative Geschäftsmodelle. Doch ein entscheidender Hebel liegt, wie Dr. Knothe in ihrem Vortrag betonte, direkt vor unserer Haustür: in den regionalen Ressourcen, Netzwerken und Infrastrukturen, die vielerorts bereits existieren. Sie bilden das Fundament dafür, Wertschöpfung gemeinschaftlich zu denken und Stoffkreisläufe Schritt für Schritt auch lokal zu schließen. Schaut man genauer hin, zeigt sich schnell, dass viele Regionen längst über Strukturen verfügen, auf denen sich aufbauen lässt. Dazu gehören stoffliche Ressourcen wie Holz, Lebensmittelreste, Energie oder Wasser ebenso wie bestehende Materialkreisläufe. Hinzu kommen personelle Netzwerke, Reverse-Logistik Systeme und eine Vielzahl lokaler Infrastrukturen, vom Erfahrungsaustausch über Material-Sharing bis hin zu Energie- oder Wissenskooperationen. All das bildet ein fruchtbares Ökosystem für innovative Kreislaufansätze. Diesen Hebel nutzt auch das Projekt :bergische rohstoffschmiede für sich.
Der Standort des Projekts, die Deponie Leppe in Lindlar, bündelt wirtschaftliche, technische und wissenschaftliche Ressourcen:
- Reststoffströme wie Schlacken und Aschen aus der Müllverbrennung
- eine umgebende Infrastruktur aus Biogas-, Vergärungs-, Kompost- und Holz-Hackschnitzelanlagen
- Bildungs- und Forschungsstrukturen wie das Metabolon-Institut der TH Köln, ein Schüler*innen-Labor und mehrere Lernorte
Diese Kombination aus realen Stoffströmen, Praxisanlagen und Forschungseinrichtungen macht den Standort zu einem idealen Labor für die Kreislaufwirtschaft.
Regionale Forschung, regionale Unternehmen: ein gemeinsames Innovationssystem
In der :bergischen rohstoffschmiede arbeiten Wissenschaft, die drei beteiligten Kreise und Unternehmen Hand in Hand. Die TH Köln bringt ihre Forschungskompetenzen ein, von der Untersuchung biologischer Prozesse in Deponiegasen und -wässern über Mineralik (zirkuläres Bauen) bis hin zum Kunststoffrecycling und alternativen Rohstoffen.
Parallel dazu werden Unternehmen aktiv eingebunden etwa durch:
- Initiale Fachgespräche zur Sondierung von Ideen und Bedarfen
- Anwendungsorientierte Forschungsprojekte
- Wissens- und Kompetenztransfer in Form von Workshops, Schulungen und Veranstaltungen
Das Ziel ist klar: Ein regionales Innovationssystem für Circular Economy aufzubauen, das Unternehmen stärkt, Fachwissen bereitstellt und die Ziele des nordrhein-westfälischen Circular-Economy-Actionplans in der Region verankert.
Begegnung schafft Innovation
Ein entscheidender Erfolgsfaktor liegt im regelmäßigen Austausch der Akteure. Industrie, Handwerk, Wissenschaft, Wirtschaftsförderungen und weitere Partner treffen immer wieder aufeinander, ob bei Workshops, Fachveranstaltungen oder Kooperationsprojekten. So entstehen neue Ideen, Partnerschaften und Transferwege, die weit über einzelne Projekte hinausreichen.
Die Beispiele aus der :bergischen rohstoffschmiede zeigen eindrücklich, warum Circular Economy ohne Kooperation nicht funktioniert. Entscheidend ist nicht nur technologische Innovation, sondern das Zusammenspiel von Unternehmen, Wissenschaft und regionalen Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Ein gelungenes Beispiel ist das Recyclingverfahren für Fahrradreifen der Firma Schwalbe. Gemeinsam mit der Firma Bohle und der TH Köln wurde ein vollständig recyclebarer Reifen entwickelt. Neben einem neuen Produktdesign entstanden dabei auch innovative Rücknahme- und Geschäftsmodelle: Über ein deutschlandweites Rücknahmesystem gelangen gebrauchte Reifen zurück in den Produktionsprozess, wo sie zu neuen Fahrradreifen aufbereitet werden. Das Beispiel zeigt, wie langfristige Partnerschaften sowohl stoffliche als auch logistische Kreisläufe schließen können.
Ein weiteres Projekt befasst sich mit Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen, die bislang deponiert wurden. In einem regionalen Konsortium aus Abfallwirtschaft, Hochschulen und Industrie wird daran gearbeitet, diesen Abfallstrom als hochwertigen alternativen Baustoff nutzbar zu machen. Damit wird ein bisheriger Reststoff zu einer wertvollen Ressource, ein Kernelement, damit die Circular Economy gelingt.
Dr. Knothe machte deutlich, dass Circular Economy keine standardisierte Dienstleistung ist, sondern gemeinschaftliche Pionierarbeit. Unternehmen profitieren dabei besonders vom frühzeitigen Austausch mit regionalen Hochschulen und Netzwerken, um komplexe Fragestellungen zu bewerten, neue Materialien zu erproben oder Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Zentrale Fragen betreffen dabei den zeitlichen Horizont, geeignete Partner, vorhandene Kompetenzen und mögliche Förderstrukturen.
Wie solche Kooperationen auch auf Unternehmensebene erfolgreich umgesetzt werden können, zeigte im Anschluss Haifei Mao von GUMA-TECH. In seinem Vortrag stellte er ein nachhaltiges Trennverfahren für Gummikettenelemente vor und knüpfte damit direkt an den Kooperationsgedanken des Webseminars an.
Von der unternehmerischen Frage zur Innovation: Die Geschichte von GUMA-TECH
Haifei Mao, Geschäftsführer von GUMA-TECH , brachte ein sehr konkretes Praxisbeispiel mit. Seine Firma stellt seit 1995 Gummiketten und Gummipads für Baumaschinen, z.B. für Bagger, her. Die Herausforderung: Millionen Produkte gelangen Jahr für Jahr in Umlauf, aber eine praktikable Recyclinglösung gibt es bislang kaum. Viele alte Gummiketten landen auf Deponien oder in der Verbrennung, obwohl sie bis zu 70 % hochwertigen Stahl enthalten. Die Verbrennung verursacht enorme CO₂-Emissionen. Mao wollte das nicht akzeptieren und suchte nach Lösungen. GUMA-TECH hält im Bereich der Endlosgummiketten für Baumaschinen einen großen Marktanteil in Deutschland, deshalb war für Mao klar: Wir haben die unternehmerische Verantwortung, eine Recyclinglösung zu finden.
Doch die gängigen Verfahren der Pyrolyse oder des Wasserstrahlschneidens waren unwirtschaftlich, zu energieintensiv oder technisch ungeeignet für große Kettentypen. Deshalb entschied er sich, die Entwicklung einer Lösung selbst in die Hand zu nehmen. Eine große Herausforderung bei einem Lieferprogramm von über 3000 verschiedenen Gummikettensorten, die für alle Fahrzeugarten passen: von der Arbeitsbühne, über den Straßenfertiger, bis hin zum Bohrgerät.
Der Durchbruch kam 2020 in Zusammenarbeit mit der TH Köln
Im Rahmen eines ZIM-Projekts (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand) entwickelte GUMA-TECH ein hocheffizientes, materialschonendes Trennverfahren, das:
- Gummi und Metall in Sekunden trennt
- den CO₂-Ausstoß gegenüber der Verbrennung um bis zu 80 % reduziert
- Metall und Gummi unbeschädigt erhält
- wirtschaftlich skalierbar ist
Die ersten Ideen zu dem späteren Verfahren kamen Mao in seinem eigenen kleinen Labor. Mittlerweile ist die Idee so weit gediehen, dass im Jahr 2026 eine Pilotanlage in Gummersbach gebaut werden soll.
Konkreter Impact: Zwei Tonnen CO₂-Einsparung pro Maschine
Um den Impact der Entwicklung klarzumachen, brachte Mao ein konkretes Beispiel aus dem eigenen Sortiment mit. Es konnten massiv CO₂-E-Äquivalente reduziert werden. Ein Straßenfertiger ist typischerweise mit 100 Gummipads bestückt, die auf eine Starkette aufgeschraubt sind. Ein Gummipad wiegt ungefähr sieben bis zehn Kilo, je nach Größe der Maschine. Allein bei solch einem Straßenfertiger mit 100 Gummipads kann der neue Prozess rund zwei Tonnen CO₂ einsparen und ermöglicht erstmals ein echtes Remanufacturing für Gummipads. Mao betonte, dass das Verfahren erfolgreich validiert wurde und bereit ist zur Skalierung. Ebenso unterstrich er, dass diese Innovation nicht durch ein Ingenieurbüro beauftragt werden konnte. Sie entstand gemeinsam, durch iterative Entwicklungsarbeit zwischen Betrieb und Hochschule.
Unser Fazit: Circular Economy entsteht im Miteinander
Dieses #CEresearchNRW Webseminar zeigte eindrucksvoll in beiden Vorträgen:
- Regional verankerte Kooperationen sind entscheidend für zirkuläre Wertschöpfung.
- Hochschulen spielen eine Schlüsselrolle als Forschungs-, Lern- und Transferpartner.
- Unternehmen jeder Größe können Treiber der Circular Economy sein.
- Neue Geschäftsmodelle entstehen durch gemeinsames Denken in Netzwerken.
Die Beispiele aus dem Bergischen Rheinland, von der :bergischen rohstoffschmiede bis zur Trenntechnologie von GUMA-TECH, machen deutlich, wie viel Potenzial in der Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Region steckt.
#CEresearchNRW wird diese Entwicklungen weiter begleiten und Unternehmen dazu einladen, ihre eigenen Fragestellungen einzubringen. Denn die Circular Economy entsteht nicht im Labor, nicht im Gesetzbuch und nicht im Alleingang: Sie entsteht im Miteinander.
Wir danken allen Beteiligten für den regen Austausch, die großartigen Fragen und Diskussionen und freuen uns schon auf das nächste Webseminar.
Euer #CEresearchNRW Team