Im Rahmen des 47. #CEresearchNRW Webseminars stand ein Aspekt der Circular Economy im Mittelpunkt, der in der aktuellen Debatte häufig zu kurz kommt: die soziale und gemeinwohlorientierte Dimension der Kreislaufwirtschaft. Julia Gschwendner vom Yunus Environment Hub und Armando García Schmidt von der Bertelsmann Stiftung stellten zentrale Ergebnisse ihrer gemeinsamen Studie „Systemic Circular Economy Transition in Germany – The Role and Impact of Circular Social Businesses“ vor und machten deutlich, warum Circular Social Businesses ein bislang unterschätzter Hebel für eine ganzheitliche Transformation sind.

Mehr als Ökologie und Effizienz
Die Kreislaufwirtschaft wird oft als Win-win-Modell zwischen Ökologie und Ökonomie beschrieben: Ressourcenschonung, Dekarbonisierung und zugleich neue Wertschöpfungspotenziale. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Denn selbst bei erfolgreicher Dekarbonisierung bleiben die massiven Auswirkungen einer linear organisierten Wirtschaftsweise auf den Ressourcenverbrauch und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bestehen. Der Country Overshoot Day für Deutschland fällt aktuell auf den 10. Mai (würde die Welt so konsumieren wie Deutschland) und macht diese Übernutzung eindrücklich sichtbar.
Julia Gschwendner und Armando García Schmidt argumentierten daher für einen ganzheitlicheren Blick auf die Circular Economy, einen Blick, der die soziale Dimension systematisch mitdenkt. Genau hier setzen Circular Social Businesses an.
Was sind Circular Social Businesses?
Circular Social Businesses verbinden ökologische Wirkung mit einem klaren gesellschaftlichen Mehrwert. Anders als klassische zirkuläre Unternehmen, die primär auf Ressourceneffizienz und Emissionsreduktion abzielen, integrieren sie sozialen Impact als Kernbestandteil ihres Geschäftsmodells. Es geht also nicht um punktuelle CSR-Maßnahmen oder Spenden, sondern um sozialen Impact, der im Kerngeschäft verankert ist oder konsequent in der Wertschöpfung berücksichtigt wird.
Um diese bislang wenig erforschte Unternehmensgruppe besser zu verstehen, analysierten der Yunus Environment Hub und die Bertelsmann Stiftung 22 Datenbanken mit zirkulären Start-ups in Deutschland. Grundlage der Studie bildete schließlich ein Datensatz von 274 Unternehmen.
Zentrale Ergebnisse der Studie
Ein zentrales Ergebnis: Etwa die Hälfte der untersuchten Unternehmen entfaltet ausschließlich ökologische Wirkung. Ein ähnlich großer Anteil weist zusätzlich gesellschaftliche Effekte auf. Besonders spannend ist dabei, dass knapp 40 Prozent dieser Unternehmen den sozialen Impact direkt in ihr Geschäftsmodell integriert haben, also dort, wo Produkte gestaltet und Wertschöpfung organisiert wird.
Auch räumlich zeigen sich Unterschiede: Während München vor allem ein Hotspot für technologisch geprägte, stark auf Dekarbonisierung fokussierte Circular Start-ups ist, findet sich in Berlin der größte Hub für Circular Social Businesses. Insgesamt sind diese Unternehmen jedoch über ganz Deutschland verteilt, oft mit starkem regionalem Bezug.
Höhere R-Strategien, höherer sozialer Impact
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die R-Strategien der Circular Economy. Circular Social Businesses setzen überdurchschnittlich häufig auf die oberen R-Strategien z.B. auf Rethink oder Restore. Das bedeutet: Sie setzen nicht erst beim Recycling oder bei Reuse an, sondern hinterfragen ganze Produkte, Geschäftsmodelle und Konsummuster grundlegend.
Ein großer Teil der Circular Social Businesses arbeitet in diesen oberen Bereichen der R-Strategien, das heißt sie versuchen mit weniger Ressourceneinsatz Werte zu schaffen. Besonders auffällig ist der Fokus auf Rethink: Viele Circular Social Businesses integrieren bewusst Elemente der Verhaltensänderung und des Umdenkens, etwa durch Bildungsangebote, Transparenz oder neue Nutzungsmodelle wie Product-as-a-Service.
Gleichzeitig gibt es eine kleinere, aber sehr wirkungsstarke Gruppe von Unternehmen (rund 14 Prozent), die sogar auf Restore abzielt, etwa durch regenerative Landwirtschaft oder die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme. Diese Geschäftsmodelle sind häufig lokal verankert und weniger skalierbar, entfalten dafür aber eine hohe regionale Wirkung.
Wie entsteht sozialer Impact in der Circular Economy?
Aus der Analyse lassen sich mehrere wiederkehrende Prinzipien ableiten, mit denen Circular Social Businesses gesellschaftliche Wirkung erzielen:
- Primärer sozialer Impact als Teil des Kerngeschäfts, nicht als Nebenprodukt
- Verhaltensänderung durch Bildung, Awareness und neue Nutzungslogiken
- Zugang und Teilhabe, etwa durch leistbare Produkte oder nutzungsbasierte Modelle
- Kollaborative Ansätze, die auf Kooperation und Ökosysteme statt auf Alleingänge setzen
- Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Zwei Praxisbeispiele aus Deutschland
Wie das konkret aussehen kann, zeigten Armando García Schmidt und Julia Gschwendner anhand zweier Circular Social Businesses:
Lotta Ludwigson entwickelt Businessanzüge aus biobasierten Materialien. Das Unternehmen setzt auf langlebiges Design, Reparierbarkeit und Rücknahmesysteme statt auf Absatzmaximierung. Ergänzt wird das Geschäftsmodell durch umfassende Transparenz zur Produktion und Preisgestaltung sowie Bildungsangebote rund um nachhaltigen Konsum. Ein Teil der Gewinne fließt zudem in Projekte zur Stärkung von Frauenrechten.
VYLD stellt Tampons aus Algenmaterial her und adressiert damit ökologische wie soziale Herausforderungen zugleich. Neben der Produktinnovation ist das Geschäftsmodell zentral: Über Kooperationen mit Unternehmen werden die Produkte kostenlos an Mitarbeiterinnen verteilt. Ein Ansatz, der Zugang, Aufklärung und Verhaltensänderung miteinander verbindet.
Blinder Fleck in Politik und Förderung
Trotz dieses Potenzials zeigt die Studie einen ernüchternden Befund: In der nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie spielt die soziale Dimension bislang nur eine untergeordnete Rolle. Soziale Aspekte tauchen vor allem reaktiv auf, etwa bei Qualifizierungsfragen im Strukturwandel, jedoch nicht als aktive Gestaltungsdimension oder als Chance für gesellschaftliche Innovation.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Förderprogrammen auf Bundes- und Landesebene, darunter KMU innovativ, der GreenTech Innovationswettbewerb oder Ressource.NRW. Hier dominieren technologische und ökologische Kriterien, während soziale Innovation, Gemeinwohlorientierung oder gesellschaftlicher Impact kaum berücksichtigt werden.
Empfehlungen: Soziales systematisch mitdenken
Aus diesen Ergebnissen leiten Yunus Environment Hub und Bertelsmann Stiftung klare Empfehlungen ab:
- Unternehmen sollten Zirkularität und sozialen Impact gemeinsam strategisch verankern und transparent kommunizieren.
- Fördergeber und Investoren sollten soziale Wirkung als explizites Bewertungskriterium aufnehmen.
- Politik sollte Circular Social Businesses als eigene Akteursgruppe anerkennen z.B. durch eine Aufnahme im Rahmen einer Novellierung der nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie.
- Öffentliche Beschaffung kann als Hebel dienen, um Leitmärkte für zirkuläre und sozial wirksame Lösungen zu schaffen, insbesondere auf regionaler Ebene.
Unser Fazit
Circular Economy ist viel mehr als technologische Effizienzsteigerung und Recyclingquoten. Die vorgestellte Studie zeigt eindrücklich, dass Circular Social Businesses ökologische und gesellschaftliche Transformation zusammendenken und damit einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft leisten. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es jedoch passende politische Rahmenbedingungen, Förderlogiken und eine breitere Debatte über das Soziale in der Kreislaufwirtschaft.
Der Impuls aus #CEresearchNRW ist klar: Wer über Circular Economy spricht, sollte das Soziale nicht länger als Randthema behandeln, sondern als integralen Bestandteil einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise.
Wir freuen uns schon darauf, beim kommenden #CEresearchNRW Seminar am 5.12.2025 Prof. Saulo H. Freitas Seabra da Rocha willkommen zu heißen und zu erfahren, wieso ein steigender Kupferanteil in Stahl so negative Auswirkungen hat und wie man dem mit einem verbesserten Recycling entgegenwirken kann.
Bis dahin,
ihr CirPEL und Prosperkolleg e.V. Team