In unserem 50. #CEresearchNRW Webseminar am Donnerstag, den 05.03.2026 stand eine zentrale Frage im Vordergrund: Wie lässt sich Kreislaufführung im Hochbau systematisch mitdenken und zwar strategisch und ganzheitlich, von der Materialwahl über das Systemdesign bis hin zur Planung und der späteren Demontage? Als Speaker war Andreas Kunsmann zu Gast, CEO der Firma Polycare, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, um Circular Economy in der Bauwirtschaft praktisch umzusetzen.
Innovationen, Symbiosen und Kooperationen
Zu Beginn des Seminars eröffnete Prof. Dr. Martin Habermehl von der Westfälischen Hochschule mit einleitenden Worten. Als Experte für Verfahrenstechnik unterstützt er das Projekt Circular Performer Emscher-Lippe.
Er spannte den Bogen zu seinem Fachgebiet, der Müllverbrennung: Dabei entstehen zahlreiche Reststoffe, die potenziell als Baustoffe genutzt werden können. Viele dieser Ansätze sind bereits umsetzbar, andere erfordern weitere Forschung. Gleichzeitig zeigte er, dass viele Ideen keineswegs neu sind: So wird etwa die Nutzung von Rostasche bereits seit vor dem Zweiten Weltkrieg diskutiert, mit Argumenten, die sich bis heute ähneln.
Sein Appell: Kreislaufwirtschaft gelingt nur durch Kooperation. Entsprechend lud er die Teilnehmenden ein, sich in der Fachgruppe Bauwirtschaft weiter zu vernetzen.
Kreislaufwirtschaft muss sich rechnen
Andreas Kunsmann machte gleich zu Beginn deutlich: Kreislaufwirtschaft muss wirtschaftlich tragfähig sein. Sie ist keine Linearwirtschaft 2.0. Vielmehr folgt Geld dem Material. Wenn Materialien zirkulieren, muss auch der Wert im Kreislauf bleiben.
Dieses Verständnis spiegelt sich auch im Mission Statement von Polycare wider:
„Wir transformieren die Bauwirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft, um nachhaltiges Bauen wirtschaftlich zu machen und die Klimaziele zu erreichen.“
Beton als zentraler Hebel
Ein wesentlicher Ansatzpunkt liegt im Baustoff Beton. Beton zählt weltweit zu den größten Stoffströmen und ist einer der am häufigsten genutzten Baustoffe. Bislang wird er überwiegend linear genutzt: Rohstoffe werden entnommen, verarbeitet, verbaut und am Ende entsorgt.:
- Gebäude und Bauwesen verursachen nach GlobalABC/UNEP-Bericht weltweit rund ein Drittel der energiebezogenen CO₂-Emissionen.
- Im Bausektor werden sehr große Mengen an Primärrohstoffen In Europa entfällt ein erheblicher Anteil des Materialverbrauchs auf den Bausektor.
- Bau- und Abbruchabfälle machen in der EU mehr als ein Drittel des gesamten Abfallaufkommens
Besonders problematisch ist der Zement als Bindemittel im Beton. Seit dem Beginn der industriellen Revolution ist Portlandzement das vorherrschende Bindemittel für Beton. In einem weltweit skalierten und standardisierten Verfahren wird für die Herstellung Kalkstein bei 1.450°C gebrannt. Zementherstellung trägt dabei in der Größenordnung von rund 7 bis 8 Prozent zu den globalen CO₂-Emissionen bei. Da diese Emissionen zu einem großen Teil prozessbedingt sind, lassen sie sich nur begrenzt durch Effizienzmaßnahmen reduzieren. Zusätzlich erhöhen regulatorische Instrumente wie EU-ETS und CBAM den wirtschaftlichen Druck durch steigende CO₂-Kosten. Für Polycare ist der Ersatz von Zement daher nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische Stellschraube.
Zirkularität im Hochbau lokal anpacken
Mittlerweile arbeiten rund 25 Mitarbeitende bei Polycare und nehmen sich dem Thema an, angetrieben von dem Wissen, das die planetaren Grenzen immer weiter überschritten werden. Schnell wurde dem Unternehmen bewusst, dass Kreislaufführung bisher global nur bedingt funktioniert, aber ein Konzept ist, das sich besonders gut auf lokaler und regionaler Ebene umsetzen lässt. Während in der Energiewirtschaft in den vergangenen Jahren ein starkes Wachstum stattgefunden hat, fehlt dieser Richtungswechsel noch in vielen anderen Branchen.
Dabei ist es zwar sinnvoll, nachhaltig zu sein, also keinen weiteren Schaden hinzuzufügen.
Polycare setzt sich jedoch ein höheres Ziel und spricht von Regeneration, also davon, positive Wirkungen für Klima und Ressourcen zu erzielen.
Schaut man sich genauer an, welche Bauweisen zurzeit umgesetzt werden, steht an erster Stelle immer noch das konventionelle Bauen. Gleichzeitig werden auch grünere Bauweisen häufiger umgesetzt. Oft zielt nachhaltiges Bauen bisher vor allem auf einen nachhaltigen Betrieb ab, z.B. in Form von Niedrigenergiehäusern. Jedoch dürfen auch die Materialien, die im Bau verwendet werden, und die Auswirkungen, die diese haben, nicht aus dem Blick geraten. Auch wenn ein Haus im Betrieb CO₂-neutral funktioniert, gehen die verwendeten Baustoffe oft mit einem großen Fußabdruck einher.
Ein Betrieb, drei Säulen
Polycare verfolgt einen integrierten Ansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette:
- Materialentwicklung: Erprobung alternativer Bindemittel als Ersatz für Zement
- Systemdesign: Entwicklung des kreislauffähigen Bausystems SEMBLA
- Produktion: Nutzung bestehender industrieller Anlagen statt Aufbau neuer Infrastruktur
Das Ziel ist eine durchgängige Lösung: Gebäude werden so konzipiert, dass sie nicht nur errichtet, sondern auch systematisch demontiert und ihre Materialien wiederverwendet werden können. Eine zentrale Herausforderung bleibt dabei die fehlende Transparenz in Lieferketten. Für funktionierende Rücknahmesysteme ist es entscheidend, den gesamten Lebenszyklus von Materialien nachvollziehbar zu machen.
SEMBLA, ein kreislauffähiges Mauerwerksystem
Mit dem SEMBLA System stößt Polycare die Reuse-Wirtschaft im Bauwesen an. Mit dem Mauerwerksystem werden Gebäude so konzipiert, dass sie sich nicht nur effizient errichten, sondern ebenso einfach wieder zurückbauen lassen. Möglich wird dies durch ein System aus Hohlbausteinen mit integrierten „Taschen“, in denen das Mauerwerk mithilfe handelsüblicher Gewindestangen vorgespannt wird. Dieses vorgespannte Trockenmauerwerk kommt ohne Bohren oder irreversible Verbindungen durch Mörtel und Kleber aus.
Die Bauteile können nach der Nutzung unbeschädigt demontiert und direkt wiederverwendet werden, sowohl im Neubau als auch im Bestand, etwa bei nicht tragenden Innenwänden. Polycare setzt dabei auf zementfreie, CO₂-ärmere Bindemittel (Geopolymerbeton) und gibt an, den CO₂-Fußabdruck im Material gegenüber konventionellem Beton deutlich senken zu können.
Mit dem Anspruch, perspektivisch sogar klimapositiv zu werden, ist allerdings klar, dass dies stark von Bilanzgrenzen, Energieträgern und der konkreten Material- und Prozessführung abhängt.
Die Bauweise ist mit gängigen Konstruktionsformen kompatibel, etwa durch den Einsatz handelsüblicher Fassadenunterkonstruktionen oder klassischer Innenausbauanschlüsse. Gleichzeitig erfüllt sie hohe Anforderungen an die Festigkeit und ermöglicht eine hohe Wiederverwendungsquote. Auch wirtschaftlich bietet das System Vorteile. Es ist im Aufbau in bestimmten Anwendungen kosteneffizienter als konventionelle Stahlbetonlösungen und entfaltet seinen größten Mehrwert im zweiten Lebenszyklus, da die verbauten Materialien ihren Wert erhalten und ohne Qualitätsverlust erneut eingesetzt werden können. So wird Zirkularität nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch attraktiv.
Die Produktion des SEMBLA Mauerwerksystems
Die Bausteine werden in einer sogenannten Brettfertigung hergestellt und sind bereits nach rund 45 Sekunden geformt. Anschließend durchlaufen sie eine mehrtägige Aushärtungsphase von etwa vier Tagen in einem kontrollierten Umfeld mit rund 21 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit. Zum Abschluss werden die Steine präzise geschliffen und kalibriert. Ein entscheidender Schritt, denn das SEMBLA System kommt komplett ohne Mörtel aus und erfordert daher höchste Maßgenauigkeit.
Für die industrielle Produktion arbeitet Polycare mit Berding Beton zusammen. Im Werk Essen-Kupferdreh werden die SEMBLA Bausteine auf bestehenden Anlagen gefertigt, die üblicherweise Produkte für den Garten- und Landschaftsbau herstellen. So lässt sich die Produktion effizient in bestehende Prozesse integrieren. Laut Unternehmenskommunikation ist die Produktion ab 2025 angelaufen bzw. geplant, und eine Zertifizierung bzw. Zulassung ist für 2026 vorgesehen.
Ein besonderer Vorteil des Systems: Die i2- und i3-Steine sind so konzipiert, dass sie vollautomatisiert auf vorhandenen Produktionslinien hergestellt werden können. Polycare bringt dabei das notwendige Know-how zur Umrüstung mit und begleitet Fertigteilwerke bei der Integration. Auch bei den Verbindungselementen setzt das System auf Einfachheit und Verfügbarkeit: Die Vorspannung erfolgt über handelsübliche Normteile, während spezielle Verbinder für Fassade und Innenausbau von Polycare entwickelt wurden.
Aktuell ist das SEMBLA System für Ausfachungswände und nicht tragende Innenwände zugelassen. Eine bauaufsichtliche Zulassung für tragendes Mauerwerk wird ab 2027 erwartet. Erste Projekte zeigen bereits das Potenzial der Technologie: In München-Moosach entsteht derzeit ein Supermarkt, bei dem das System zum Einsatz kommt. Gerade für solche Bauvorhaben bietet SEMBLA Vorteile, da sich auch große Wandhöhen effizient und flexibel realisieren lassen.
Die Entwicklung von der Idee zur Umsetzung
Die Entwicklung von Polycare war geprägt von einem intensiven Lernprozess. „Es war ein langer, spannender Weg“, beschreibt Andreas Kunsmann die Anfangsphase. Noch im Jahr 2023 wurde das Team vor allem von dem Glauben an die eigene Idee angetrieben: einem zirkulären Bausystem mit großem Zukunftspotenzial. Gleichzeitig zeigte sich schnell, wie viel Entwicklungsarbeit notwendig war. Frühere Ansätze, etwa das Verfüllen der Bauteile oder alternative Verbindungstechniken wie sie aus dem Holzbau bekannt sind, wurden erprobt, getestet und schließlich wieder verworfen. Schritt für Schritt wurde das System weiterentwickelt und geschärft.
Ein wichtiger Meilenstein war die Zusammenarbeit mit Berding Beton, die insbesondere die Idee des „Gebäudes als Bauteillager“ überzeugte. 2024 investierte Polycare in eine eigene Brettfertigung, um Produktion und Materialverhalten besser zu verstehen. Diese Phase war von zahlreichen Herausforderungen geprägt, etwa durch Korrosion und Verschleiß in der Fertigung. Doch genau diese Erfahrungen legten die Grundlage für die weitere Entwicklung. Seit 2025 steht verstärkt die Umsetzung im Fokus: Prüfungen, konkrete Anwendungsfälle und belastbare Roadmaps zeigen, wie komplex der Weg von der Innovation in den Markt tatsächlich ist.
Vom Prototyp zur marktfähigen Lösung
Ein zentrales Thema auf dem Weg zur Marktreife ist die Balance zwischen Qualität, Zirkularität und Wirtschaftlichkeit. Gerade bei der Nutzung von Sekundärrohstoffen ist es eine große Herausforderung, gleichbleibende Materialeigenschaften und stabile Produktionsprozesse sicherzustellen. Im Sinne von „Design to Manufacturing“ wurde das Material gezielt weiterentwickelt, um Ausschussquoten von maximal drei Prozent zu erreichen. Diese Anpassungen hatten einen erheblichen Einfluss, sowohl auf den Preis als auch auf den CO₂-Fußabdruck und die Wiederverwendbarkeit des Systems.
Heute zeigt sich, dass sich dieser Aufwand gelohnt hat: Erste Projekte, etwa in München und Sachsen, befinden sich bereits in der Umsetzung, weitere sind in Planung. Besonders gerne würde Andreas Kunsmann bald auch ein Projekt im eigenen Bundesland umsetzen: Nordrhein-Westfalen.
Polycare setzt bewusst auf Kooperation statt Wettbewerb. Bestehende Produktionsinfrastrukturen werden genutzt, anstatt neue Werke oder Materialaufbereitungen aufzubauen. „Wir produzieren im Bestand“ ist dabei ein zentraler Grundsatz der Unternehmensstrategie.
Ein neues Verständnis von Wachstum
Die Entwicklung von Polycare folgt dabei keinem linearen Prozess, sondern eher einem iterativen Ansatz, wie man ihn aus dem Design Thinking kennt: Phasen des Ausprobierens, Verwerfens und Neudenkens wechseln sich ab. Immer wieder ist es notwendig, einen Schritt zurückzugehen, um die richtigen Probleme zu identifizieren und nicht nur neue Lösungen zu entwickeln. Genau darin liegt ein entscheidender Hebel, um die bestehende Linearwirtschaft grundlegend zu verändern.
Mit Blick nach vorn steht für Polycare nun die nächste Phase an: Wachstum. Dabei geht es jedoch nicht nur um das Wachstum des Unternehmens selbst, sondern um ein neues wirtschaftliches Modell. Im Zentrum steht die Idee, Werte mehrfach zu nutzen und Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. „Wachsen ohne Neuproduktion“ beschreibt diesen Ansatz und damit eine Circular Economy, die ökologischen und ökonomischen Fortschritt miteinander verbindet.
Was nehmen wir mit?
Das Seminar hat gezeigt: Zirkuläres Bauen ist keine Vision mehr, sondern bereits heute umsetzbar, wenn es konsequent systemisch gedacht wird.
Drei zentrale Erkenntnisse bleiben:
- Kreislaufwirtschaft beginnt im Design
Gebäude müssen so geplant werden, dass Rückbau und Wiederverwendung von Anfang an möglich sind. - Materialwahl ist ein entscheidender Hebel
Insbesondere der Ersatz emissionsintensiver Baustoffe wie Zement bietet großes Potenzial. - Zirkularität braucht wirtschaftliche Modelle
Nur wenn Materialien ihren Wert behalten und mehrfach genutzt werden, kann sich Kreislaufwirtschaft langfristig durchsetzen.
Polycare zeigt, wie dieser Ansatz in der Praxis funktionieren kann, durch die Verbindung von Materialinnovation, Systemdesign und der intelligenten Nutzung bestehender Infrastruktur.
Im kommenden Seminar werden drei Forscher*innen der Hochschule Ruhr West vorstellen wie Blockchaintechnologien für die Circular Economy eingesetzt werden können. Seien Sie dabei!
Bis dahin,
ihr CirPEL und Prosperkolleg e.V. Team